Global Wealth Report 2021Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter

Insgesamt ist das Vermögen privater Haushalte weltweit im vergangenen Jahr trotz Corona-Pandemie gestiegen. Davon profitieren aber längst nicht alle: Einer Studie der Credit Suisse zufolge haben die Vermögensunterschiede weiter zugenommen.

24.06.2021 - 12:30 Uhr24.06.21 12:30
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Stand Up Paddler auf der Alster in Hamburg
Stand Up Paddler auf der Alster in Hamburg: In Deutschland gibt es knapp drei Millionen Millionäre, das sind 633.000 mehr als vor Corona© IMAGO / CHROMORANGE

Laut dem jüngst veröffentlichten Global Wealth Report der Credit Suisse besaßen im Jahr 2020 weltweit 56,1 Millionen Menschen mehr als eine Million US-Dollar. Das waren 5,2 Millionen mehr als ein Jahr zuvor. Vor allem in den USA und Deutschland ist die Zahl der Millionäre gewachsen. In den USA stieg sie um 1,7 Millionen auf 22 Millionen. Deutschland zählte 2,95 Millionen Millionäre – 633.000 mehr als vor der Corona-Pandemie.

Mit der Zahl der Millionäre wuchs auch die Gruppe der Superreichen: Ende 2020 gab es 215.030 sogenannte Ultra High Net Worth Personen mit einem Nettovermögen von mehr als 50 Millionen US-Dollar. Das waren rund 41.410 mehr als die 173.620 aus dem Vorjahr – ein Anstieg um 23,9 Prozent. „Das wäre in jedem Jahr ein sehr hoher Anstieg“, heißt es in der Studie, „aber er ist besonders auffällig in einem Jahr, das von sozialen und wirtschaftlichen Turbulenzen geprägt ist. Die Art der politischen Reaktion auf die Pandemie hat hier natürlich einen großen Einfluss gehabt.“

Die obersten Vermögensgruppen seien von den Rückgängen der gesamtwirtschaftlichen Aktivität relativ unbeeinflusst geblieben und hätten von den positiven Auswirkungen der niedrigeren Zinsen auf die Aktien- und Hauspreise profitiert. Im Gegensatz dazu waren vermögensschwächere Menschen besonders stark von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. „Die Covid-19-Pandemie führte im Jahr 2020 zu einem starken Anstieg der Vermögensungleichheit.“

Vermögen privater Haushalte steigt

Zwischen Januar und März 2020 gingen schätzungsweise 17,5 Billionen US-Dollar des weltweiten Gesamtvermögens privater Haushalte verloren, was einem Rückgang von 4,4 Prozent entspricht. Dieser Verlust wurde allerdings bereits Ende Juni größtenteils aufgeholt. Das lag nicht zuletzt daran, dass die Aktienkurse in der zweiten Jahreshälfte 2020 ihren Aufwärtstrend fortsetzten und zum Jahresende Rekordwerte erreichten.

Auch die Hauspreise stiegen vielerorts so stark wie seit vielen Jahren nicht mehr. In Summe habe das weltweite Vermögen privater Haushalte der Studie zufolge binnen Jahresfrist um 28,7 Billionen auf 418,3 Billionen US-Dollar zugelegt. „Wie wir im vergangenen Jahr feststellten, hat sich das globale Vermögen angesichts der Turbulenzen nicht nur stabil gehalten, sondern in der zweiten Jahreshälfte sogar rapide erhöht. Die Vermögensbildung scheint völlig losgelöst von den aus der Pandemie resultierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten“, kommentiert Anthony Shorrocks, Ökonom und Verfasser des Berichts.

Die Aufschlüsselung nach Regionen zeigt, dass das Gesamtvermögen in Nordamerika um 12,4 Billionen US-Dollar und in Europa um 9,2 Billionen US-Dollar gestiegen ist. Auf diese beiden Regionen entfiel der Großteil der Vermögenszuwächse im Jahr 2020, wobei China weitere 4,2 Billionen US-Dollar und der asiatisch-pazifische Raum (ohne China und Indien) weitere 4,7 Billionen US-Dollar beisteuerten.

Indien und Lateinamerika verzeichneten im vergangenen Jahr hingegen Einbußen. Das Gesamtvermögen sank in Indien um 594 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 4,4 Prozent. Verstärkt wurde das durch Wechselkursabwertungen: Bei festen Wechselkursen hätte der Verlust 2,1 Prozent betragen. Lateinamerika weist mit einem Rückgang des Gesamtvermögens um 11,4 Prozent die schlechteste Entwicklung auf.

Aktien- und Hauspreise gestiegen

Die Auswirkungen der Pandemie auf den Wohlstand unterscheiden sich in den einzelnen Bevölkerungsgruppen aufgrund von zwei Hauptfaktoren: Vermögenszusammensetzung und Einkommensverluste. Das Vermögen derjenigen Gruppen, die einen höheren Anteil an Aktien haben, schnitten tendenziell besser ab. Dazu gehören allgemein wohlhabendere Menschen. In den meisten Märkten haben Hauseigentümer aufgrund steigender Immobilienpreise Kapitalgewinne erzielt. „Doch in den unteren Vermögensbereichen, in denen das Finanzvermögen weniger ausgeprägt ist, stagnierte es oder war in vielen Fällen sogar rückläufig. Einige der zugrunde liegenden Faktoren können sich mit der Zeit selbst korrigieren. So werden die Zinsen irgendwann wieder steigen, was die Vermögenspreise dämpfen wird“, sagt Shorrocks.

Die Einkommensverluste unterschieden sich während der Pandemie ebenfalls deutlich. In vielen Ländern mit hohem Einkommen wurde der Verlust von Arbeits- oder Unternehmenseinkommen durch Soforthilfe und beschäftigungspolitische Maßnahmen abgemildert. „Zweifellos haben die von den Regierungen ergriffenen Umverteilungsmaßnahmen zur Unterstützung der am schwersten von der Pandemie betroffenen Privatpersonen und Unternehmen sowie die Verringerung der Zinssätze durch die Zentralbanken eine globale Krise enormen Ausmaßes erfolgreich verhindert. Doch der Erfolg dieser Initiativen ist auch mit immensen Kosten verbunden“, sagt Nannette Hechler-Fayd’herbe, globale Leiterin Economics & Research bei der Credit Suisse. „Die Staatsverschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt ist in vielen Ländern um 20 Prozentpunkte oder mehr gestiegen.“

In Ländern ohne Einkommenshilfe waren Frauen, Minderheiten und junge Menschen besonders betroffen. Weibliche Arbeitskräfte litten zu Beginn überdurchschnittlich unter der Pandemie. Das liegt unter anderem daran, dass sie vermehrt in stark betroffenen Branchen wie Gastronomie, Hotellerie, Einzelhandel und personenbezogenen Dienstleistungen arbeiten. Im gesamten Jahr ging die Erwerbsbeteiligung sowohl bei Männern als auch bei Frauen zurück. Das Ausmaß war zumindest in den meisten Industrieländern ähnlich.

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