Green Bonds Wann ist eine Anleihe grün und wann nicht?

Grüne Anleihe-ETFs investieren in der Regel einen Großteil des Vermögens in zertifizierte grüne Anleihen. Oft finden sich darin aber auch Papiere ohne grünes Label. Wie das sein kann, erläutert Marcus Weyerer, ETF Investment Strategist bei Franklin Templeton Investments.

29.11.2021 - 16:4529.11.21 - 18:45
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Sonnenaufgang über dem Dartmoor Park in England
Sonnenaufgang über dem Dartmoor Park in England: Wer sein Depot stabilisieren und gleichzeitig umweltbewusst anlegen will, kann auch auf grüne Anleihe-ETFs setzen© Imago Images / imagebroker

Drei zentrale Themenbereiche sind bei der Bewertung grüner Anleihen in der Regel relevant: Energie, Gebäude und Verkehr. Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge entfallen mehr als 70 Prozent der globalen Emissionen auf diese Bereiche. Aus den Daten der IEA geht zudem hervor, dass diese Emissionen durch das Bevölkerungswachstum in die Höhe getrieben werden. Das trägt zur Notwendigkeit bei, skalierbare Lösungen zu finden.

Einer der wichtigsten Punkte bei der Bewertung ist Transparenz. Emittenten halten Informationen zwar kaum aktiv zurück, sie sind sich aber nicht immer bewusst, wie spezifisch einige der ESG-Analysen tatsächlich sind. Mehr Transparenz ist also notwendig, um herauszufinden, welchen Umfang an Daten Investoren verlangen sollten. Dies kann dabei helfen, bessere Anlageentscheidungen bei Anleihen von Emittenten zu treffen, die laut eigener Aussage insgesamt positive Umweltauswirkungen aufweisen.

Welche grünen Anleihen verdienen ihren Namen?

Zu untersuchen ist dabei die Frage, welche „grünen“ Anleihen ihrem beabsichtigten Zweck tatsächlich nachkommen und ob das Kapital wirklich in lukrative Projekte gelenkt wird, ob die Emittenten ihre Projekte ausreichend transparent offenlegen und, was am wichtigsten ist, ob das festgelegte „Kohlenstoffbudget“ für jene Infrastrukturanlagen aufgewendet wird, die die größte Wirkung aufweisen.

Im Zuge des Analyseprozesses werden die Auswirkungen der verschiedenen Anleihen im Portfolio beurteilt und dabei einige der wichtigsten Fragen der Investoren beantwortet:

  • Welche Projekte weisen in der Regel die größte Wirkung auf?
  • Kann ein Projekt so schlecht gesteuert werden, dass die potenziellen Auswirkungen zunichte gemacht werden?
  • Welche Warnsignale bestehen in einem Rahmenwerk für grüne Anleihen?
  • Wie gestaltet sich das Preis-Leistungs-Verhältnis am Markt für nachhaltige Anleihen?
  • Wie kann man die interne Beurteilung stärken?

Dazu ist ein forensischer und ein praktischer Ansatz notwendig. Auf forensischer Seite verfolgen Experten für Kohlenstoffbilanzierung einen analytischen Ansatz in Bezug auf die allgemeineren CO2-Auswirkungen, wobei die CO2-Auswirkungen der Bau- wie auch der operativen Phase des Projekts berechnet werden. Diese Analyse legt den Fokus auf „induzierte Emissionen“ und verleiht Einblicke in die Emissionen und das Verhältnis von vermiedenen Emissionen zu solchen, die durch die finanzierten Projekte verursacht wurden. Dies ist entscheidend, wenn man ein Verständnis darüber erlangen will, wie das Kohlenstoffbudget am besten genutzt wird – oder anders ausgedrückt, wie man mit den Investitionen die größte Wirkung erzielt.

Was bewirken grüne Anleihen in der Praxis?

Ziel des praktischen Ansatzes ist es, zu verstehen, wie sich grüne Anleihen oder Projekte in der Praxis auf den Klimawandel auswirken. Dazu zählen die Auswirkungen der verwendeten Materialien, ihre Beschaffung und die Laufzeit der Anlagen. All diese Variablen können sich stark voneinander unterscheiden oder mit Annahmen verbunden sein, die so unterschiedlich ausfallen, dass sich ein Vergleich von Projekten schwierig gestaltet. Angesichts des relativ hohen Beitrags, den die Bereiche Energie, Gebäude und Verkehr zu den globalen Emissionen beisteuern, ist es sinnvoll, sich auf diese Sektoren zu konzentrieren, in denen viel auf dem Spiel steht.

Die Erstellung eines Impact Reports dient dazu, dass die Investoren die Umweltauswirkungen der von ihnen finanzierten Projekte besser verstehen können. Hierfür ist es entscheidend, dass die induzierten Emissionen berücksichtigt werden, die mit den Investitionen in grüne Anleihen verbunden sind. Die Anwendung eines Kohlenstoffbudgets stellt die effektivste Möglichkeit dar, die „Grünheit“, also die tatsächlichen Klimaauswirkungen der Anleihen in unserem Portfolio zu berücksichtigen.

Dieser Ansatz steht im Einklang mit dem Pariser Abkommen, bis 2050 klimaneutral zu sein, sowie der Science Based Targets Initiative (SBTi). Um die globale Erderwärmung auf unter 2 Grad zu begrenzen, darf nur eine bestimmte Menge an CO2 in die Atmosphäre abgegeben werden. Wenn man CO2 nicht als begrenzten Rohstoff betrachtet, den es beim Bau von Infrastruktur effizient einzusetzen gilt, wie kann man sich sicher sein, die richtigen Entscheidungen in Bezug auf das Kohlenstoffbudget zu treffen?

Zunächst müssen Sektoren identifiziert werden, in denen viel auf dem Spiel steht, also solche, die wesentlich zu den globalen Emissionen beitragen. Beispielsweise unterscheidet sich die für Projekte im Bereich Schienenverkehr angewandte Methodik leicht von jener für den Straßenverkehr.

Grüne Anleihe-ETFs investieren in der Regel einen Großteil des Vermögens in zertifizierte grüne Anleihen und darüber hinaus einen kleineren Teil in Anleihen, die nicht als „grün“ zertifiziert sind, aber im Rahmen einer internen Beurteilung zur Umweltverträglichkeit, strategischen Ausrichtung und Governance positiv abschneiden. Dadurch ist man in der Lage, selbst zu entscheiden, ob eine Anleihe tatsächlich positive Umweltauswirkungen aufweist.

Wann ist eine grüne Anleihe nicht wirklich grün?

Hier helfen detaillierte Daten zu induzierten Emissionen sowie die durch eine grüne Anleihe erzielten Emissionseinsparungen. Dadurch können Nettoauswirkungen jeder einzelnen Anleihe leicht nachvollzogen werden. Wird eine in die Atmosphäre abgegebene Einheit an Kohlenstoff nicht durch mindestens eine Einheit an Kohlenstoff ausgeglichen, deren Eintritt in die Atmosphäre verhindert wird, so müssen genauere Untersuchungen angestellt werden, ob das durch die Anleihe finanzierte Projekt tatsächlich einen ökologischen Nutzen hat.

Es lohnt, diesen Punkt zu untersuchen, um herauszufinden, ob diesbezüglich Ausnahmen bestehen könnten. Der künftige Kohlenstoff-Auswirkungsgrad (Carbon Impact Ratio, CIR) kann durch die Verlängerung der Laufzeit der Anlage, die verstärkte Nutzung der Anlage (zum Beispiel wenn mehr Menschen dieselbe Eisenbahnlinie nutzen) oder die Wiederverwendung oder das Recycling CO2-intensiver Materialien beeinflusst werden.

Grüne Anleihen in der Praxis

In einem Fallbeispiel wurde eine grüne Anleihe untersucht: 20 Prozent der Einnahmen der Anleihe flossen in erneuerbare Energien – dieser Beitrag sollte für einen Energielieferanten höher sein. Die endgültig angestrebten erneuerbaren Erzeugungskapazitäten waren nicht ambitioniert genug. Das Betriebsmodell legte den Schwerpunkt nach wie vor auf Gas. Auch die Unabhängigkeit des Vorstands war in diesem Fall verbesserungswürdig, die Verantwortlichkeit im Bereich Umweltleistung und -strategie war unklar. Das Ergebnis: Ausschluss aus dem Portfolio.

Wann ist eine normale Anleihe grün?

Bei Anleihen, die nicht als „grün“ zertifiziert sind, müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit diese etwa in die Portfolioallokation grüner Anleihe-ETFs aufgenommen werden können. Diese Allokation betrifft Anleihen, die eine kohlenstoffarme Zukunft unterstützen. Solche Unternehmen müssen eine bis dato gute Umweltperformance vorweisen. Ferner müssen sie einen angemessenen Governance-Rahmen aufweisen, um die Erreichung der strategischen und ökologischen Ziele zu fördern.

In einer Analyse werden diese Anleihen einem „Ausschuss für die Genehmigung grüner Anleihen“ vorgelegt, der sich in Bezug auf die Aufnahme der Anleihe in unseren Fonds einigen muss. Eine Analyse nicht zertifizierter Unternehmensanleihen ergibt bei einem Fallbeispiel ein sehr ambitioniertes Unternehmensziel, bis 2030 etwa 80 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Zum Vergleich: Das europäische Ziel beträgt 32 Prozent für dasselbe Jahr. Bis 2038 soll sämtliche Energie aus erneuerbaren Quellen bezogen werden. Die Emissionen dieses Unternehmens sind zwischen 2008 und 2018 bereits um 33 Prozent gesunken. Das Unternehmen betreibt Langstreckenzüge in Deutschland zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien. Die Strategie zur „grünen Wende“ umfasst: Klimaschutz, Naturschutz, Ressourcenschonung, Lärmminderung und soziale Verantwortung.

Fazit: Es lohnt sich also, bei grünen Anleihen-ETFs Anleihen näher zu untersuchen. Denn sowohl grüne Anleihen können aus dem Portfolio ausgeschlossen werden als auch nicht als „grün“ klassifizierte Anleihen ins Investmentuniversum aufgenommen werden.

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